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Martin von Wagner Museum
der Universität Würzburg

»Schauspiel lebt vom Spektakel des Augenblicks. Es in Bildern festhalten zu wollen, ruft vor allem die Flüchtigkeit des Moments in Erinnerung«

Theater

Das griechische Theater

Theater ist die früheste Form der Animationskunst: Im Schauspiel schlüpfen Menschen in Rollen, um ihrem Publikum Optionen im Umgang mit dem Schicksal vor Augen zu führen: das Erlebnis großer Gefühle ohne unmittelbare Konsequenzen für die Gegenwart. In Griechenland entstand so die erste komplexe ‚Traumfabrik‘ der Menschheit!

Tragödie, Komödie und Satyrspiel, die drei klassischen Formen von Theaterstücken, sind in Athen im Verlauf der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. u. Z. aus den Tänzen maskierter Chöre entwickelt worden, wie sie im Kult des Weingottes Dionysos in archaischer Zeit üblich waren. Hatten diese Aufführungen ursprünglich einen eher improvisatorischen Charakter, wurden sie nun in Textfassungen mit einem dramatischen Handlungsbogen festgehalten. Den Stoff zur Tragödie boten vor allem die Schicksalsschläge mythologischer Figuren; das Satyrspiel verballhornte diese tragischen Ereignisse im Sinne einer Persiflage. Komödien waren unmittelbar dem sozialen Miteinander abgeschaut und nahmen im 5./4. Jh. v. u. Z. gerne Bezug auf aktuelle politische Ereignisse.

Ab dem frühen 5. Jh. v. u. Z. etablierten sich aus den Aufführungen in Athen regelrechte, staatlich organisierte Wettbewerbe, in denen nicht nur die Autoren bzw. Komponisten der Stücke gegeneinander antraten, sondern auch die aus den Reihen der Bürgerschaft formierten Chöre unter Leitung eines Chorleiters (Chorege), der nicht zuletzt für die Finanzierung der Auftritte verantwortlich war. Dem siegreichen Choregen winkte die Erlaubnis zur Aufstellung eines Ehrendenkmals an der ‚Tripodenstraße‘ zwischen Dionysos-Theater und Agora. Solche Wettbewerbe wurden stets während der mehrtägigen dionysischen Feste, vor allem der städtischen Dionysien und der Lenäen, abgehalten. Die Abstimmung erfolgte über stellvertretende Laienrichter, die im Losverfahren ausgewählt wurden.

Ursprünglich lag die Aufgabe der Regie bei den Dichtern, später bei professionellen Choreographen. Schauspieler – in der Regel nur drei! – und Chor bestanden ausschließlich aus Männern, die auch die Frauenrollen übernahmen. Als illusionistische Mittel der Verstellung dienten vorrangig Kostüme und Masken (mit großen Mundöffnungen), die je nach Genre den mimischen Ausdruck bzw. die körperlichen Eigenschaften der Figuren überdeutlich oder grotesk in Szene setzten. Typische Charakterrollen kennt erst die Neue Komödie (320–280 v. u. Z.), in der die politische Satire allgemeinen moralischen Betrachtungen menschlichen Verhaltens wich. Aufwendige Bühnenbauten mit Kulissen wurden nach und nach im Verlauf der Jahrhunderte entwickelt und deuteten in der Regel bloß standardisierte Handlungsorte an.

Von Athen aus verbreitete sich das literarische Theater – genauso wie seine architektonische Umsetzung (Abb. 1) – im 5. und vor allem im 4. Jh. v. u. Z. in der gesamten griechischen Welt bis nach Rom und wurde durch steinerne Bauten allenthalben zu einer festen Institution des städtischen Lebens. Daneben etablierten sich auch einfachere Formen des Stegreiftheaters in Form von Possen, Travestien und pantomimischen, d. h. stumm getanzten Darbietungen.

Theater im ›Stand-Bild‹

Angesichts der großen Begeisterung, die das Theater seit klassischer Zeit auslöste, zunächst in Athen, aber bald auch auf Sizilien und in anderen Teilen Westgriechenlands, ist es kaum verwunderlich, dass diese neue kulturelle Errungenschaft auch in anderen Bildmedien Niederschlag gefunden hat. Naturgemäß kann es sich dabei aber stets bloß um verschiedene Formen von Zitaten handeln, da der lebendige, ephemere Charakter des Schauspiels in die statische Bildkunst kaum zu übertragen ist und seine wesentliche Faszination auf diese Weise einbüßt. Hier wird besonders sinnfällig, wie stark die visuelle Kommunikation der Bilder von den erwartbaren Erinnerungen und Assoziationen ihrer Betrachter lebt.

In der griechischen Vasenmalerei zeichnen sich vor allem zwei Arten der Auseinandersetzung mit dem Theater ab: Ein Teil der Bilder legt den Fokus vor allem auf die materielle ‚Welt des Theaters‘, indem sie – entweder an Schauspielern oder isoliert – Kostüme, Masken oder andere Requisiten wiedergeben bis hin zu partiellen oder ganzen Bühnenarchitekturen. Besonders zahlreich sind jedoch Darstellungen, die sich nachweislich auf Theaterstücke beziehen lassen, ihre Akteure aber deshalb nicht zwangsläufig, sondern allenfalls andeutungsweise als Schauspieler kennzeichnen. Offensichtlich geht es in diesen Bildern nicht um Anspielungen an bestimmte Inszenierungen, sondern um die spezifische Art und Weise, wie die Erzählweise der Dramen bekannte Mythen geprägt hat. Ob die literarischen Werke ihren Einfluss auf die Malerei mehr den Theaterbesuchen oder der Lektüre verdanken, ist umstritten.

Bis heute versucht die einschlägige Forschung, konkrete Abhängigkeiten der Vasenbilder von bekannten Theaterstücken nachzuweisen, nicht zuletzt auch, um Lücken in der schriftlichen Überlieferung zu schließen. Bei vereinzelten Darstellungen zu Komödien und Satyrspielen erscheint der Zusammenhang tatsächlich evident (Abb. 2). Für die Wiedergabe von Tragödien wurde jedoch der Nachweis erbracht, dass die Vasenbilder selten nur auf eine literarische Vorlage/Gattung allein zurückgreifen bzw. in Teilen der Darstellung signifikant davon abweichen (Abb. 3).

Dass es sich bei den Tragödien-Szenen nicht einfach um Illustrationen bekannter Theaterstücke handelt, verdeutlichen die Fundkontexte der Vasen. Die meisten solcher Gefäße mit Darstellungen tragischer Mythen stammen aus Grabkontexten des 4. Jhs. v. u. Z. in Apulien. Ihr Zweck lag darin, der Trauergemeinschaft zum Gedenken an die Verstorbenen mythologische Vorbilder als verklärende Vergleiche vorzuführen. Der starke Bezug zum Theater kann also nicht zuletzt mit dessen besonderer Befähigung erklärt werden, bei den Menschen Empathie zu wecken.

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