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10. Februar 2026

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Ursprung und Entwicklung:

Das zweite Wellhöfer-Kolloquium erforscht die Sehnsucht und die Suche nach den Anfängen in der ‚Sattelzeit‘

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Ein fester Bestandteil der 2023 gegründeten Wellhöfer-Stiftung für das forschende Museum ist die Ausrichtung des Wellhöfer-Kolloquiums, das alle zwei Jahre im Martin von Wagner Museum stattfindet. Mit wechselnden Themenstellungen adressiert dieses Tagungsformat Forschungsfragen zur Kunst- und Kulturgeschichte zwischen 1750 und 1850 aus interdisziplinärer Perspektive. Wir veröffentlichen an dieser Stelle den Call for Papers für das diesjährige Wellhöfer-Kolloquium:

 

Der Rückbezug auf ältere Kulturstufen gehört zum Grundinventar jeder Zivilisation. Doch seit dem mittleren 18. Jahrhundert kommt es zu fundamentalen Veränderungen in der Art dieses Rekurses: Nicht nur vermeintliche oder tatsächliche Höhepunkte innerhalb der eigenen Vergangenheit ziehen die Aufmerksamkeit von Forschern, Literaten und Künstlern auf sich, sondern vermehrt auch Frühformen gesellschaftlicher und künstlerischer Formierung. Diesem ‚originistischen Verlangen‘ widmet sich die diesjährige Ausgabe des Wellhöfer-Kolloquiums.

 

Seit dem mittleren 18. Jahrhundert steigen an den unterschiedlichsten Orten Europas Anthropologie und frühe Zivilisationsgeschichte zu zentralen Forschungsthemen auf. Nach und nach verliert der Blick auf die klassische Antike seine normative Verbindlichkeit: In Italien rücken die Etrusker, in England die Kelten ins Blickfeld; im Innern der klassizistischen Walhalla ist der Hauptschmuck ein monumentaler Fries mit der Geschichte der Deutschen von der Einwanderung aus Asien bis zur Christianisierung. Die homerischen Epen werden als älteste Literaturdenkmäler übersetzt, verehrt und massenhaft dargestellt, weil man in ihnen eine später verlorengegangene Einfachheit zu erkennen glaubte – entsprechend einer Umwertung in der Wahrnehmung der mediterranen Antike, für die Friedrich Schillers Schilderung einer vorgeschichtlichen Idylle in Die Götter Griechenlands bezeichnend ist. In der Archäologie weicht der anfängliche Idealismus dem Relativismus, die Teleologie der Ätiologie, die Begeisterung für die Klassik dem Interesse an der Archaik. Johann Wolfgang von Goethe und Wilhelm von Humboldt suchen nach der Ursprache, Jean-Jacques Rousseau und Marc-Antoine Laugier verankern die Urhütte in der Architekturtheorie.

 

Neben der Verschiebung der Anfänge in weiter zurückliegende Zeitschichten umgreift der thematische Radius der Tagung auch die gleichzeitige Mittelalter-Rezeption, wie sie sich etwa im Tafelwerk von J. B. L. G. Seroux d’Agincourt oder in der Sammlung von Sulpiz Boisserée konkretisiert, aber auch bildkünstlerisch in style troubadour und Nazarenertum. Angesichts der gemeinsamen Suche nach Ursprünglichkeit verliert der Gegensatz zwischen klassizistischen und romantischen Tendenzen seine Schärfe und tritt eher das Verbindende in der künstlerischen Praxis hervor.

 

Wünschenswert wären daher auch Forschungsbeiträge zu formalen Archaismen, Stilisierungen und Abstrahierungen, die sich besonders im Frankreich des 19. Jahrhunderts (Ingres) aus der Ursprungsthematik zu ergeben scheinen, als produktiver Gegensatz zur spätklassizistischen Salonmalerei. Zu diskutieren wäre beispielsweise auch, ob nicht sogar schon der aus der griechischen Vasenmalerei abgeleitete Umrissstil (Flaxman) in denselben archaistischen Kontext gehört – aber auch, ob die Konfrontation mit der Archaik, beispielsweise im Fries der Ägineten, für eine produktive Rezeption womöglich zu überfordernd war. In welchem Maße wirkte sich das Beharrungsvermögen klassizistischer Geschmacksurteile auf die künstlerische und kunstkritische Begegnung mit den neuerschlossenen früheren Epochen aus? Und wie verändert deren Kenntnis wiederum die Begriffe von Normativität und Vorbildlichkeit?

 

Die Liste an Beispielen für die neue Sehnsucht nach den Anfängen ließe sich nahezu beliebig und in jede erdenkliche Richtung fortsetzen; selbst die ‚Entdeckung der Kindheit‘ gehört in diesen Zusammenhang.

 

Zur Teilnahme aufgerufen sind nicht nur die bildgestützten Wissenschaften (neben der Kunstgeschichte besonders die Klassische Archäologie und die Ägyptologie); idealerweise soll die Diskussion um Beiträge aus den philologischen Fächern oder der Wissenschaftsgeschichte bereichert werden. Die Veranstalter bitten um Vorschläge für 20-minütige Referate in englischer oder deutscher Sprache. Dazu senden Sie bitte ein Abstract (max. 2000 Zeichen einschl. LZ) und einen kurzen CV (max. 1.500 Zeichen einschl. LZ) bis 28. Februar 2026 per E-Mail an: Ulrich.Pfisterer@lrz.uni-muenchen.de und damian.dombrowski@uni-wuerzburg.de.

 

Ursprung und Entwicklung

Sehnsucht und Suche nach den Anfängen, 1750–1850

Zweites Wellhöfer-Kolloquium

Freitag/Samstag, 4./5. Dezember 2026

Veranstaltet von: Damian Dombrowski (Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg) und Ulrich Pfisterer (Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München)

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