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Idee und Linie

Italienische Zeichnungen aus der Sammlung Martin von Wagners

Sonderausstellung in der Kleinen Galerie

22. November 2025 bis 22. März 2026

In der kalten Jahreszeit präsentiert das Martin von Wagner Museum etwas, das jedes Herz erwärmen kann: 77 Zeichnungen bieten einen Querschnitt durch die italienische Zeichenkunst, eingebettet in ein intimes Kabinett, in das die ‚Kleine Galerie‘ verwandelt wurde. Das Licht der Kunst erhellt auch die dunklen Tage!

 

Nirgendwo wurde mit größerer Ausdrucksvielfalt gezeichnet, nirgendwo eindringlicher über die Zeichnung nachgedacht als im Italien von Renaissance und Barock. Zeichnen war praktische und intellektuelle Tätigkeit in einem. Der „disegno“ wurde als das primäre Mittel zur Erschließung der sinnlichen Welt geschätzt und ebnete den Weg zu idealer Schönheit.

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Dass in der ‚Kleinen Galerie‘ so viele qualitativ herausragende Werke aus allen wichtigen Kunstlandschaften Italiens gezeigt werden können, ist dem Namensgeber des Museums zu verdanken. Der gebürtige Würzburger Martin von Wagner (1777–1858) verbrachte über fünfzig Jahre in Rom, wo er eine umfangreiche Kunstsammlung zusammentrug, darunter mehr als zweitausend italienische Zeichnungen. Am Ende seines Lebens schenkte er sie der Universität seiner Heimatstadt.

August von Riedel (1799–1883), Porträt Martin von Wagners mit dem bayerischen Verdienstorden, gezeichnet in Rom 1829 (als Studie zu Riedels Gemälde im Martin von Wagner Museum, vollendet 1831), Silberstift, 119 x 108 mm. Foto: André Mischke.

Wagner beschränkte sich keineswegs auf berühmte Meister, sondern erwarb auch eine große Zahl anonymer Blätter und Kopien, die er – wie seinerzeit üblich – nach     regionalen ‚Schulen‘ ordnete. Doch folgten seine Erwerbungen auch persönlichen Vorlieben. Die Vielzahl an spätbarocken Zeichnungen oder das häufige Vorkommen von Künstlern aus Bologna und Urbino dürften seinen privaten Geschmack spiegeln.

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Einerseits brachte Wagner seinen Zeichnungen das zeittypische Interesse an Entwicklung und Stil entgegen. Andererseits war die Zeichnung für ihn, den Maler und Bildhauer, ein inspirierendes Ausdrucksmedium. Aus dieser doppelten Motivation heraus – wissenschaftlich und ästhetisch – entstand eine Sammlung, die von der Kreativität, Vielstimmigkeit und Dynamik italienischer Zeichenkunst aus drei Jahrhunderten zeugt.

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Die Ausstellung ist nach thematischen Gesichtspunkten gegliedert. Die Kapitel heißen bespielsweise „Natur und Bewegung“, „Akt und Anatomie“ oder „Kopf und Gesicht“. Innerhalb gleichbleibender Aufgaben – etwa ein Gewand darzustellen, Architektur zu entwerfen oder einen Mythos zu illustrieren – treten die Unterschiede zwischen den Stilen und Epochen umso prägnanter hervor.

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Wie der Künstlerbiograph Giorgio Vasari im 16. Jahrhundert wusste, lässt sich über die Zeichnung eine „Idee von allen Dingen“ gewinnen, „ob Mensch oder Tier, ob Pflanzen oder Bauten, ob Skulptur oder Malerei“. Dieser Universalität der künstlerischen Aufgaben möchte die hier gebotene Auswahl gerecht werden – jedoch mit einem Schwerpunkt auf der menschlichen Figur, dem zentralen Thema der italienischen Zeichenkunst.

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Auch wenn Namen wie Barocci, Bernini und Tiepolo nicht fehlen: Es sind nicht die bekanntesten italienischen Zeichnungen der Graphischen Sammlung, die in „IDEE UND LINIE“ gezeigt werden, nicht die virtuosesten, nicht die brillantesten (obwohl es auch viel Virtuosität und Brillanz zu bestaunen gibt). Hier sollten einmal in der Hauptsache solche Blätter gewürdigt werden, die bisher kaum oder gar nicht beachtet wurden.

Giulio Romano (um 1499–1546), Tigerin im Sprung, um 1530, Feder in Braun mit Lavierung, 190 x 308 mm

Foto: André Mischke.

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Betritt man die Ausstellungsfläche, so fällt noch vor der Betrachtung einzelner Blätter eine ungeheure Abwechslung ins Auge. Schon die unterschiedlichen Farben der verwendeten Papiere sorgen für diesen ersten Eindruck. Hat man sich die Zeichnungen dann näher angesehen, so drängt sich unwillkürlich ein Hauptmerkmal auf, das die Kunst Italiens seit jeher besonders auszeichnet: die Mannigfaltigkeit, die Diversität, die Verschiedenheit. Der künstlerischen Handschriften, der zeichnerischen Techniken, der individuellen Temperamente.

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Jedes Blatt ist eine kleine Welt für sich, nichts wiederholt sich, nichts begnügt sich mit der Norm; und dennoch fügt sich alle Abweichung und Variation zu einem harmonischen Bild zusammen, einem Begriff von „disegno“, der seit der Renaissance an der Wurzel des italienischen Kunstschaffens ist.

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Die Ausstellung bietet nicht nur ästhetischen Genuss, sondern möglicherweise auch einen gesellschaftlichen Impuls: Sie ist nichts weniger als ein Plädoyer für die Vielfalt. Denn so, wie unter den italienischen Zeichnern von der Renaissance bis zum Klassizismus die Differenz zählte – die persönliche Manier, die ja immer von einer einzigartigen Weise zeugt, die Welt zu sehen –, genau so ist diese Vielgestaltigkeit die Voraussetzung für jeden schöpferischen Impetus.

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Gleichartiges bleibt, wie es ist; Verschiedenartigkeit findet immer neu zusammen, befruchtet sich, schlägt Funken aus der Reibung. Die Vielfalt war und ist die Triebfeder kreativen Handelns. Dafür ist die Auswahl italienischer Zeichnungen, die im Martin von Wagner Museum ausgestellt sind, ein anschauliches Unterpfand.

Links: Valerio Castello (1624–1659), Judith übergibt ihrer Magd den Kopf des Holofernes, undatiert, Braun mit Lavierung über Spuren scharzer Kreide, 180 x 266 mm. Foto: André Mischke.

Rechts: Adamo Scultori (um 1530–um 1585/87), Grotesker Kopf (Studie für Scultoris Stichserie der „Mascheroni Grotteschi“), um 1560, Feder in Braun mit Lavierung, 127 x 108 mm. Foto: André Mischke.

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Publikationen zur Ausstellung

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Die Ausstellung wird begleitet von einer wissenschaftlichen Publikation in englischer Sprache. Der erste Band enthält einen Katalog von rund 140 Zeichnungen, die in einem zweijährigen Forschungsprojekt von 23 Fachleuten bearbeitet wurden. Im zweiten Band bietet Carolin Goll die erste umfassende, durchgehend aus den Quellen schöpfende Darstellung Martin von Wagners als Sammler. „An Artist’s Choice“ | Italian Drawings from the Collection of Martin von Wagner“, herausgegeben von Eckhard Leuschner, Damian Dombrowski und Luca Baroni (2 Bände, 780 Seiten, 604 Abbildungen) ist im Harrassowitz Verlag Wiesbaden erschienen und kostet 98 €.

 

Zur Ausstellung „IDEE UND LINIE“ wurde außerdem ein Kurzführer von 44 Seiten erstellt. Darin sind sämtliche ausgestellten Blätter abgebildet, mit begleitenden Texten von Damian Dombrowski zu den einzelnen Kapiteln. Das Bildheft, das somit auch die Ausstellung dokumentiert, ist zum Preis von 5 € in der Ausstellung erhältlich.

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Die Sonderausstellung ist zeitgleich mit der Gemäldegalerie geöffnet:

dienstags bis samstags 13.30–17 Uhr

sonntags 10–13.30 Uhr im Wechsel mit der Antikensammlung (siehe Kalender)

Ort: Martin von Wagner Museum, Kleine Galerie (Residenz, Südflügel, 2. Stock)

Martin von Wagner Museum
der Universität Würzburg

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