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Ursula Jüngst, Den Himmel wollen, 2025, Öl auf Leinwand, 160 x 240 cm (Foto: André Mischke).



Bildwelt als Weltbild


Wahlverwandtschaft mit Ortsbindung: Das zeigt die neue Sonderausstellung des Martin von Wagner Museums. Die Bilder von Ursula Jüngst stehen im Dialog mit den Fresken Giambattista Tiepolos.

 

Ein künstlerischer Blick auf ein Kunstwerk hat bisweilen den Effekt, dass er die Formgesetze oder den Bedeutungsumfang einer Bilderfindung besser verstehen hilft. Er kann Dimensionen erschließen, die von einer ‚unbeteiligten‘ Wahrnehmung oft unbemerkt bleiben – obwohl sie möglicherweise die tieferen sind.

 

Die in Barcelona und Nürnberg tätige, aus Miltenberg stammende Malerin Ursula Jüngst war seit den ersten Würzburg-Besuchen ihrer Kindheit beeindruckt von Giambattista Tiepolos Treppenhausfresko in der Residenz. So früh prägte es sich ihrer Vorstellungskraft ein, dass sie intuitiv bestimmte Gestaltungselemente daraus in ihre spätere Malerei übernahm.

 

Für eine Sonderausstellung im Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg (MvWM) hat sich Jüngst zwischen 2024 und 2026 bei mehreren Würzburg-Besuchen erneut dem Deckenbild ausgesetzt. Aus dieser – diesmal ganz bewussten – Seherfahrung ist ein Teil der Bilder gewonnen, die in diesem Herbst/Winter in der ‚Kleinen Galerie‘ zu sehen sein werden.

 

„Die schöpferische Begegnung der Künstlerin mit ihrem Vorgänger und Kollegen ließ die historische Distanz zwischen beiden schrumpfen“, erklärt Damian Dombrowski, Direktor der Neueren Abteilung des MvWM und Professor für Kunstgeschichte an der Universität Würzburg. „Als wenn Ursula Jüngst in dem Fresko etwas in voller Entfaltung wiedererkannt hätte, das keimhaft in ihrer eigenen Formensprache angelegt war, begleitete das im Treppenhaus der Residenz Erlebte fortan ihr Schaffen.“

 

Weder der Venezianer des 18. Jahrhunderts noch die zeitgenössische Malerin hätten sich sich mit dem reinen Anblick der Welt begnügt, so Dombrowski weiter: „Sie gehen ihr auf den Grund, indem sie den Rhythmus des Lebendigen offenbaren, der hinter aller Erscheinung vibriert.“ Die Malerin habe sich abseits des nachlesbaren Wissens über Tiepolos Meisterwerk gehalten, um unvermittelt einzutauchen in dessen Bildwelt.

 

abstrakte Kunst

Ursula Jüngst, Slide (Detail), 2026, Öl auf Leinwand, 180 x 140 cm (Foto: André Mischke).


Wie Tiepolo strebe auch Ursula Jüngst nach Bildern, die vom Innersten der Welt künden und vom Verhältnis zwischen dem einzelnen Menschen und dem Weltganzen handeln. Dombrowski erläutert die dafür gefundene Methode: „Die Malerin bestimmt eine bestimmte Farbform – die längliche, leicht gebogene Pinselsetzung – zu einem universellen Modul. Diese Module finden zu offenen, elastischen, ja atmenden Kompositionen zusammen und veranschaulichen den Zusammenhang zwischen Elementarteilchen und universaler Ordnung.“

 

Ähnlich wie Tiepolos Weltmodell ist auch ihre Malerei mit grundsätzlichen Fragen nach dem menschlichen Miteinander verknüpft. Sie stellt den Menschen nicht als Figur dar, sondern die Kräfte, Wechselwirkungen, Proportionen und Dimensionen, in die sein Dasein vor einem universalen Horizont eingespannt ist. Der Mensch begegnet sich in ihren Bildern gewissermaßen selbst, weil sie seine doppelte Teilhabe an Atom und All sehen und spüren lassen.

 

Nach eigener Aussage empfindet Ursula Jüngst das Treppenhausfresko so, als tauschten oben und unten die Plätze, als könnte sie in den Himmel wie in ein Meer hineintauchen. Diese ‚ozeanische‘ Umkehrung schlägt sich bei ihr in einer Immersivität nieder, die sich seit einigen Jahren auch dem Arbeitsprozess verdankt: Die Künstlerin dreht die Leinwände beim Malen immer wieder, sichtbar in den mehrseitig herabrinnenden Farbfäden.

 

Wie sich die Elemente innerhalb des Bildes zueinander verhalten, bezeichnet Jüngst als „Anmalen gegen Trauer, Schmerz und Dunkelheit“, wie sie von den mannigfachen Krisen und Katastrophen der Gegenwart ausgelöst werden. Sie strebt nach Ermutigung im Angesicht monströser Heillosigkeit, nach Hoffnung statt Verzweiflung, nach „Durchlichtung trotz allem“, wie sie sagt.

 

„Dieser Ansatz ist anstrengender und anspruchsvoller, als Gesellschaftskritik zur Kunst zu erklären“, meint Dombrowski. „Ursula Jüngst glaubt an das Visual Healing, an die heilenden Kräfte ästhetischer Gestaltung, wie Tiepolo daran glaubte.“ Doch hätte Letzterer vermutlich auch ihrer Sentenz zugestimmt: „Es ist viel schwerer, Helligkeit zu malen als Dunkelheit.“

 


URSULA JÜNGST | TIEPOLO

DIE RHYTHMEN DER WELT

 

3. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027

Kleine Galerie des Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg, Südflügel der Würzburger Residenz, 2. Stock

Öffnungszeiten: dienstags bis samstags 13.30–17 Uhr, sonntags 10–13.30 Uhr (im wöchentlichen Wechsel mit der Antikensammlung)

Eintritt frei

 

Die Eröffnung der Ausstellung ist am Freitag, 2. Oktober 2026 um 19 Uhr. Es sprechen der Kanzler der Universität Würzburg, Dr. Uwe Klug, die 2. Bürgermeisterin der Stadt Würzburg, Sandra Vorlová, sowie Prof. Dr. Damian Dombrowski und Ursula Jüngst. Wegen des begrenzten Sitzangebots wird um Anmeldung gebeten (Telefon 0931 / 312283, E-Mail: mvw-museum@uni-wuerzburg.de).




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